17/04 Rede Deutsch als Kulturgut

Sehr geehrter Herr Präsident, Kolleginnen und Kollegen,

die AfD will also mit ihrem Gesetzentwurf die deutsche Sprache als Kulturgut in den Artikel 5 in die Verfassung aufgenommen wissen, damit der Freistaat Sachsen die deutsche Sprache schützt und fördert.

Schon wieder so ein Höhepunkt, national gedachter, deutschtümelnder Anträge und Gesetzesentwürfe.

Man weiß ja schon gar nicht mehr, wo man bei soviel Quark – übrigens ein Lehnwort aus dem Sorbischen nicht originär deutsch, beginnen soll.

Zunächst einmal suggeriert ihr Entwurf, dass die deutsche Sprache bedroht ist. Gleich zu Beginn: das ist sie mitnichten. Sie entwickeln ein Untergangsszenario und stellen in Aussicht, dass die deutsche Sprache Gefahr läuft, in den nächsten 100 Jahren zu einem Regionalidiom zu verkommen. Wissen Sie: schon seit dem 17. Jahrhundert wird in der Literatur der Untergang der deutschen Sprache befürchtet. Und was ist jetzt, ich rede schon noch deutsch, oder? Und nicht nur ich, sondern 180 Millionen Menschen auf dieser Welt, davon 100 Millionen als Muttersprachler. Deutsch liegt auf dem 10. Platz der meistgesprochenen Sprachen. Allein das Ausblenden dieser Tatsache ist böswillige Ignoranz.

Deutsch steht nicht bei der UNESCO auf der Liste der bedrohten Sprachen im Gegensatz zu Ober- und Niedersorbisch. Mit Ihrem Entwurf wollen Sie nun aber erreichen, dass die deutsche Sprache staatlich geschützt und gefördert wird, während den anderen Sprachen in unserem Land nur das Recht ihre Sprache pflegen zu dürfen zuerkannt wird.

Ihr Entwurf unterscheidet, ich zitiere, den: „expliziten Minderheitensprachschutz auf der einen Seite, die Nichterwähnung des vermeintlich Selbstverständlichen auf der anderen…“. Mit dem Selbstverständlichen meinen Sie die deutsche Sprache, die natürlich selbstverständlich ist, denn sie ist Amtssprache.

Und genau darum geht es: es sind die Minderheiten, die unseres Schutzes bedürfen und nicht die Selbstverständlichkeiten.

Und da ist sie wieder, die AfD: Ihnen geht es doch gar nicht darum, irgendwen oder irgendetwas zu schützen. Sie schwingen sich als vorgeblicher Vertreter der sächsischen Bevölkerung auf und fühlen sich stellvertretend gegenüber Minderheiten benachteiligt. Ich würde Ihnen an dieser Stelle gerne ein Taschentuch reichen.

Allein der letzte Absatz in der Begründung konterkariert ihren Gesetzesentwurf auf das Vorzüglichste. Da heißt es: „Eine Sprache muss sich dynamisch aus sich heraus entwickeln.“ Was für ein Humbug. Sprachen brauchen seit jeher auch Einflüsse von außen, von anderen Sprachen und Kulturen, damit sie sich weiterentwickeln und Menschen miteinander kommunizieren können.

Wenn es den steinzeitlichen Höhlenbewohnern in den Sinn gekommen wäre ihre Lautsprache von „Na“, „Pa“, „Gg“, „Ma“, „Scht“ bis hin zum ironisierten Ugga ugga verfassungsrechtlich festzuschreiben und sie von Einflüssen von außen auf Strafe fernzuhalten, würden wir, glaube ich, heute in diesem Haus ganz anders mit einander sprechen, hätte es vermutlich Goethe und Heine nicht gegeben.

Aber genau diese Abschottung wünscht sich die AfD. Sie sucht in Zeiten der Komplexität von Problemlagen, welche nicht eins zu eins beantwortet werden können, den Gegenentwurf zu einer sich im Wandel befindlichen globalisierenden Gesellschaft. Und sie findet ihn in der Vorstellung eines reaktionären homogenen Nationalstaates als einfache Lösung aller Probleme.

Nicht die derzeitigen Einflüsse auf die deutsche Sprache, ob Anglizismen oder Gendergerechtigkeit, sind gefährlich, sondern die Bestrebungen der AfD und ihrer Anhänger, Vokabeln aus dunklen Zeiten wie „Lügenpresse“, „völkisch“, „Volksverräter“, „Überfremdung“ wieder salonfähig zu machen.

Mit Ihrem Entwurf versuchen Sie, eine Deutungshoheit über unsere Sprache zu gewinnen. Zwar schreiben Sie, ebenfalls im letzten Absatz ihrer Begründung: „Ideologische Eingriffe „von oben herab“ dürfen ihr (der deutschen Sprache) nicht aufgezwungen werden.“ Doch genau das wollen Sie, indem Sie eine „identitätsfördernde Fortentwicklung des deutschen Wortschatzes und der deutschen Sprachkultur“ verlangen.

Was die Fortentwicklung und den quantitativen Reichtum unserer Sprache ausmacht, auch da kann ich sie beruhigen, Kolleg_Innen von der AfD: Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung stellt in ihrem Bericht zur Lage der deutschen Sprache 2013 fest, dass der Wortschatz allein in den letzten 100 Jahren um 1,6 Millionen auf insgesamt 5,3 Millionen Wörter gewachsen ist. Vor diesem Hintergrund kann man wohl kaum von einem Rückzug unserer Sprache sprechen.

Sollte sich bei Ihnen jedoch der Eindruck der Verarmung manifestiert haben, so liegt es garantiert nicht an unserem Sprachschatz, sondern an denen, die von der Sprache Gebrauch machen. Populismus neigt zur Vereinfachung und seit „Gaulands Äußerung“ sind Sie ja eine Partei desgleichen. Vielleicht liegt es auch an Ihrem populistischen Umgang mit unserer Sprache, welche das Gefühl bei Ihnen überwiegen lässt, dass es mit ihr bergab geht.

Bleibt die Frage: Was also erreicht man, wenn man die deutsche Sprache als Schutzgut in die Verfassung aufnimmt? Nicht mehr und nicht weniger als durch eine Verfassungsänderung, die festlegt, dass es in Deutschland vier Jahreszeiten gibt.

Im Gegensatz zu Ihnen wollen wir tatsächlich die Zukunft unserer Gesellschaft positiv gestalten. Wir wollen nicht zurück in die Vergangenheit, sondern aus ihr lernen.

Unsere Fraktion DIE LINKE steht für die Verbesserung des Bildungssystems, der Lehrersituation, den Ausbau musischer und literarischer Fächer, die Vermittlung humanistischer Werte durch Kunst und Kultur und damit zur Befähigung mit Sprachen und Inhalten umzugehen.

Wir sind damit weit näher an der Zielstellung, friedlich solidarisch und ohne Angst miteinander zu leben, als Sie mit ihrem überflüssigen Gesetzentwurf, der das Gegenteil bezweckt. Wir lehnen ab.

Vielen Dank