15/01 1. Mai Hohenstein Ernstthal

Sehr geehrte Hohenstein Ernstthalerinnen und Ernstthaler,

Ich beglückwünsche sie ganz herzlich zum 1. Mai und möchte Danke sagen an die nordamerikanischen Arbeiter, welche im Jahre 1886 zum Generalstreik aufriefen und damit den Grundstein zu unserem heutigen Feiertag lieferten.

Gestern habe ich in der Zeitung gelesen, „Die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer“ Noch nie hatten wir so viele Milliardäre und Millionäre auf der einen und so viel Armut auf der anderen Seite. 19100 der reichsten Deutschen haben ein Vermögen von 2,5 Billionen Euro. 15,5% der in Deutschland lebenden Menschen, das sind 12,5 Millionen sind arm. Fast jedes dritte Kind lebt in Sachsen in Armut (29,5%). Was sind das für Zustände.

Erlauben sie mir ein Zitat von Alfons Paquet zu bemühen:

„Es war das Arbeitsvolk von Lancashire, das die Webstühle in Stücke schlug. Wir sind zwei Millionen Arme in diesem Land, aber die Speicher bersten, unsere Zuchthäuser bersten. Auch unsere Irrenhäuser sind voll. Die Zahl der Selbstmörder nimmt zu. „Als Ägypten unterging, waren drei Prozent der Bevölkerung im Besitz von siebenundneunzig Prozent des Reichtums. Babylon blühte. Die größte Stadt der Welt. Als Babylon unterging, gehörte zwei Prozent der Bevölkerung alles, was da war. Als Rom zerfiel, teilten sich achtzehnhundert Menschen in den ungeheuren Bodenbesitz dieses Reiches. Der Untergang der Kulturvölker wurde durch Gesetze herbeigeführt, die alle Reichtümer in die Hände von wenigen brachten.“

Und heute schicken wir uns wieder an, solche Verhältnisse zuzulassen, gar zu befördern, weil alles dem Wachstums- und Wirtschaftsdiktat untergeordnet ist und viele sich langsam, an die von Merkel proklamierte wirtschaftskonforme Demokratie gewöhnen, sie hinnehmen, nicht mehr hinterfragen, mutlos sind , sich in Private zurückziehen und nicht mehr wählen gehen. Der falschen, einer Zweck-, einer für die Wirtschaft nützlichen, entpolitisierten Individualisierung wird Vorschub geleistet und gemeinschaftliches Denken gerät in den Hintergrund. Man richtet sich ein und betreibt Besitzstandswahrung egal auf welchem Niveau. Das geht soweit, dass mir neulich ein Bekannter erzählt hat, dass er einen Streit zwischen zwei Arbeitslosen schlichten musste, weil der eine sich für den für die Gesellschaft wichtigeren Arbeitslosen hielt, da er erst 2 Monate arbeitslos sei hingegen der andere schon über 2 Jahre und damit im Hartz IV – Bezug. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht? Und wer nicht an sich denkt, sich nicht helfen kann, wird aussortiert. Egoismus wird zum Gebot der Stunde. Solidarität und Gemeinschaft bleiben auf der Strecke.

Aber wie ist es denn in Zeiten von Leiharbeit, Werkverträgen, Minijobs, viele brauchen mittlerweile drei, um über die Runden zu kommen und um nicht Bittsteller beim Amt zu werden. Wie ist es denn in Zeiten von Hartz IV, Hartz IV – Aufstockern, mit Renten die nicht zum Leben reichen?

Es kann sich doch kaum noch jemand sicher sein, dass seine Lebenslage morgen noch sein wird wie sie es heute ist. Ganz zu schweigen von den Menschen, denen man das Morgen schon genommen hat, denen gesellschaftliche Teilhabe nicht möglich ist.

Auch die so bezeichnete Mittelschicht ist prekär; Grundangst vor sozialem Abstieg geht um.

Heute kann man sich, nimmt man das Bsp. einer Familie mit 2 Kindern, eben nicht mehr sicher sein, auch wenn beide Eltern Arbeit haben, morgen noch ebenso dazustehen. Selbst eine gut ausgebildete Frau/Mann ist vom sozialen Abstieg bedroht, gerät sie/er in die Mühle, Arbeitslosigkeit und dann Hartz IV, Dinge die bisher noch leistbar waren, Auto, Haus, Urlaub, Erziehung der Kinder (einfach Klamotten, Schulsachen, Nachhilfe etc.) sind bedroht oder eben nicht mehr tragbar. Dieser Druck lastet schwer.

Ebenso der daraus folgende Druck, bei der Arbeit: immer oben auf zu sein, freiwillig mehr zu arbeiten, als es der Arbeitsvertrag verlangt, immer erreichbar.

Dazu die Sorgen, welche man sich um seine Familie macht. Bekomme ich einen Krippenplatz, kann ich in meinen Beruf wieder einsteigen, folgt darauf ein Kindergartenplatz. Welche Schule soll besucht werden.

Mein Kind muss auf das Gymnasium – dies wird nach dem 4. Schuljahr entschieden (was für ein Schwachsinn), muss also gute Leistungen erbringen. Das Leben schreibt viele Geschichten.

Doch eins bleibt: Leistung, Leistung von Anfang an Leistung, Druck, Druck, Druck, noch dazu der Druck/besser die Diktatur aus den Ämtern.

Weitere Sorgen kommen dazu: wird meine Rente noch reichen, wie verhält es sich in Zeiten der Niedrigzinspolitik mit meiner von allen Seiten geforderten privaten Altersvorsorge, wenn ich überhaupt in der Lage bin, mir solch eine leisten zu können. Wir müssen sparen heißt es allenthalben. Jedoch mühsam Erspartes schmilzt ab: viele haben keines, einige verdienen Milliarden an dieser Politik. Die Inflation wird befeuert, der Euro fällt, die Lebenshaltungskosten steigen (Miete Nebenkosten etc.).

Insgesamt: man wird erpressbar. Wird erpresst und lässt es notgedrungen zu.

Weiter: Die allgegenwärtige Beschallung durch die Medien: das brauchst du, jenes musst du haben, so sollte man leben, kaum Zeit für Muße und Innehalten. Aus der Zeitung und den Nachrichten blitzen uns die Schlagwörter an, heute dieses, morgen jenes, wir eilen von Schlagzeile zu Schlagzeile im Sekundentakt hilft man uns vermeintlich bei der Orientierung in der Welt. Kaum einer hat jedoch noch Zeit und Lust, geschweige denn das Geld dafür, täglich sich eine vollumfängliche Meinung durch verschieden Medien zu verschaffen. Bild hilft!   Man verlernt in Zusammenhängen zu denken, und vergisst schnell; auch Grundlage für Stammtischdenken und Parolen. „Das Leben ist kein Ponyhof“ sagt man, doch es könnte einer sein, wenn wir endlich anfingen uns zu wehren und das Ist nicht als Weisheit letzten Schluss betrachten. Wir denken nur noch legislativ, jedoch eine Gesellschaft ohne eine Vorstellung von der Zukunft hat keine Gegenwart. Im Kreuzworträtsel heißt es „Hirngespinst mit 6 Buchstaben“ und man trägt ein: Utopie, dass ist die gesellschaftliche Realität der Nivelierung von Träumen. Ich bitte sie wagen wir wieder zu träumen, wagen wir wieder das Wort Utopie auszusprechen, wagen wir wieder Bilder einer friedlichen Welt, einer wirklich solidarischen Gemeinschaft und von Gerechtigkeit… zu malen und zu behaupten.

Ich habe ja gar nichts dagegen, dass man zu einem gewissen Wohlstand kommt, gar reich wird, doch dieses muss im Verhältnis zur gesellschaftlichen Verantwortung stehen. Mir kann niemand erklären, dass ein einzelner durch seiner Hände Arbeit 1 Millionen Euro im Monat verdienen kann, denn das machen andere für ihn. Und es ist doch ein Unding, das diejenigen die solche Summen verdienen sich nicht an der Gemeinschaft beteiligen müssen, sie können sich privat Krankenversichern und sorgen selbst für ihre Rente und entziehen sich so dem Solidarprinzip. Also weg mit den privaten Kassen weg mit den Beitragsbemessungsgrenzen bei Rente und Krankenversicherung, jeder soll nach seinem Vermögen in die Kassen einzahlen, dann klappt es auch mit der Sicherung der Rente und dem Gesundheitssystem.

Was wir brauchen, sind wieder Visionen von einer gerechteren Gesellschaft, einen großen Aufschlag, detailliert, zusammenfassend, umspannend, vielleicht eine neue Agenda sozial.

Wir reden immer über die Prekarisierung, Arbeits- Lebenssituation, dürfen aber eine fortschreitende geistige und solidarische Prekarisierung nicht ausser Acht lassen. Viele Menschen lesen nichts mehr, interessieren sich nicht mehr für ihre Umwelt, außer für das, was sie direkt betrifft oder was sie meinen wovon sie bedroht sind. Egoismus als Gebot der Stunde. Solidarität und Gemeinschaft bleiben auf der Strecke.

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht? Und wer nicht an sich denkt, sich nicht helfen kann, wird aussortiert? Besitzstandswahrung lautet die Devise durch alle Schichten.

Und wir: Wir kommen mit Didaktik nicht weiter, wir müssen die Menschen emotional packen, sie erreichen. Wir müssen Geschichten erzählen, nicht unsere Geschichte, sondern die der Menschen, mit Ihnen und für sie, sie durch uns zu Wort kommen lassen.

Empathie, das heißt: Mitleid, Teilnahme, Einfühlungsvermögen, Erbarmen, Freundlichkeit, Entgegenkommen, Nachsicht, Verständnis, Anteil und Gespür, ist Gebot – Ansprache der Menschen ein Muss.

Wir hören allenthalben:

Politik ist nicht für mich da, sondern gegen mich. Politik als Parallelwelt mit eigener Sprache, als abgehobener Lobbyverein ohne Bezug zur Lebensrealität.

In einer Allensbach-Umfrage heißt es :

Das Ansehen der Politiker bei den Wählern ist schlecht.

So sagen 63 %. „Politiker sagen vor allem das, „was andere hören wollen“ Sie sind „nur auf den eigenen Vorteil bedacht“ 58 %. Abgehoben und realitätsfern meinen 43 %. Arrogant 37 %.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn ganz anders fällt das Urteil der Wähler aus, wenn sie einen Politiker persönlich kennen. Diese persönlich bekannten Politiker halten die Wähler dann laut Allensbach für freundlich (60 %) und klug 45 %. Fast jeder zweite Wähler, der einen Politiker kennt, sagt, dieser Politiker „setzt sich für die Menschen ein“, ist „kompetent“ und „kennt sich aus“. Für die PolitikerInnen komme es deshalb mehr denn je darauf an, den Wähler persönlich zu erreichen.

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