16/01 Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 27.1.2016

Zum Völkerkongress für den Frieden

Wien, 1952, sagte Bertolt Brecht:

„Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer. Die Beschreibungen, die der New Yorker von den Greueln der Atombombe erhielt, schreckten ihn anscheinend nur wenig. Der Hamburger ist noch umringt von Ruinen, und doch zögert er, die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben. Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen. Der Regen von gestern macht uns nicht nass, sagen viele.

Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben, ihr äußerster Grad ist der Tod. Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon überzeugen, dass es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. Lasst uns das tausendmal gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände gebunden werden.“

Die erschreckende Bilanz nach dem zweiten Weltkrieg waren 60 – 70 Millionen tote Menschen. Umgekommen auf den Schlachtfeldern, in Luftschutzbunkern, Arbeitslagern, Gaskammern. Verfolgt, ermordet, vertrieben. Unzählige tote Widerstandskämpfer, Sinti und Roma, Kommunisten, Christen, Katholiken, Sozialdemokraten, Homosexuelle, Behinderte Menschen. Sechs Millionen Juden sind der Schoa zum Opfer gefallen.

Großbritannien verzeichnete 388.000 tote Soldaten und Zivilisten, Frankreich 810.000, die USA 259.000, die Sowjetunion 25 Millionen, davon 16 Millionen Zivilisten, Polen sechs Millionen, die Niederlande 210.000, Italien 410.000, Deutschland/Österreich sieben Millionen. 14 Millionen Zwangs-, Fremd-, und Gastarbeiter, viele von Ihnen starben. Von 12 Millionen Vertriebenen starben 2,3 Millionen.

Dazu entsetzliche Schicksale, zerstörte und zerrissene Familien. Tote Kinder, Mütter, Väter.

Auschwitz ist der größte Friedhof der Menschheitsgeschichte. Mindestens 1.100.000 Menschen wurden hier ermordet. Die Dimension und die Organisation dieses Verbrechens sind nicht zu ermessen.

Ein schweres Erbe unserer Vorfahren, welches nicht wieder gut zu machen ist. Keiner erwartet von uns, dass wir auf ewig ein Büßerhemd tragen, doch meine Generation und die folgenden müssen mit dieser Vergangenheit leben, ihr in die Augen schauen, um nicht blind für Gegenwart und Zukunft zu sein. Und sich den Anfängen zu erwehren:

1933 wurde eine fragile Demokratie mit Gewalt und Lügen vollständig aus den Angeln gehoben. „Lügenpresse“ und „Systemparteien“ wurden zu wirkungsmächtigen Schlagworten, die der Demokratie die Lösung der Probleme absprachen. Verantwortlich gemacht für alles Unglück wurden „die Juden“, die der zuvor definierten „Volksgemeinschaft“ angeblich schadeten und damit kein Recht auf Teilhabe und Leben hatten.

70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges mit seinem ungeheuren Greueltaten äußert in einer Umfrage jeder zweite Bundesbürger, er wäre „es leid, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“.

Das tausendmal gesagte vergessen?

Wir exportieren Rüstungsgut und Waffen in aller Herren Länder, sind in 16 Ländern militärisch im Einsatz, der Kraft des Gesprächs trauen wir nicht. Wir öffnen der Wirtschaft alle Grenzen und schließen sie im selben Augenblick für Menschen.

Lügenpresse, Systemparteien, Volksgemeinschaft. Genau diese Vokabeln hören wir heute wieder von besorgten Spaziergängern. Es ist aber mitnichten so, dass dieses selbsternannte Volk für Nächstenliebe, Humanität und Solidarität Transparente und Stimme erheben. Nein, sie marschieren für das genaue Gegenteil, für Hass, Ausgrenzung und Menschenverachtung.

Der Geist ist schon wieder da, es ist nicht nur der Schoss, aus dem das kroch. Rassismus, Chauvinismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit – alle möglichen Ideologien zur Begründung sozialer Ungerechtigkeit und gesellschaftlicher Ausgrenzung haben Konjunktur, nicht mehr nur im stillen Kämmerlein.

Die soziale Spaltung der Gesellschaft hat ein Ausmaß erreicht, in dem sich die Angst vor dem Abstieg, Anpassungsdruck und Ausgrenzungsbereitschaft erhöht. Wir erleben, dass Grundrechte immer weiter eingeschränkt werden.

Der rasante Aufstieg neofaschistischer und rechtspopulistischer Kräfte in Deutschland (und in nahezu allen europäischen Ländern) verlangt entschiedene Gegenwehr.

In den zurückliegenden Wochen habe ich vielen die Frage gestellt, welches Bild sie von der Zukunft haben. Erschreckend viele junge Menschen, die in unserer friedlichen Demokratie leben, gehen davon aus, dass sie einen Krieg erleben werden. Wie kommen sie darauf – und was können wir und sie tun?

Unsere Vorfahren sind verantwortlich für den Anfang und die Folgen des 2. Weltkrieges, nicht für das Ende. Wir sind verantwortlich dafür, dass es den Anfang und die Folgen eines neuen Krieges nie wieder geben kann. Darum müssen wir die Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit wach halten, wie heute am 27. Januar in Torgau, und aufzuzeigen, wie es damals gewesen ist, wie es dazu kommen konnte, damit wir und künftige Generationen daraus lernen können und begreifen, dass Hass und Gewalt, Hass und Gewalt nach sich ziehen.

In absehbarer Zeit wird es niemanden mehr geben, der das Grauen und das Ende dieses Grauens erlebt hat und durch eigenes Berichten und Erzählen für uns lebendig erhält. Spätestens dann werden die Erinnerungen verblassen, verschwinden, verdrängt, verfälscht. Und damit wird es wieder möglich, der fruchtbaren Saat Nahrung zu geben.

Das Vergessen ist die Mutter der Verwahrlosung.

Elie Wiesel, überlebender von Auschwitz schrieb in „Macht Gebete aus meinen Geschichten“:

„Als wir eines Tages von der Arbeit zurückkamen, sahen wir auf dem Appellplatz drei Galgen. Antreten. Ringsum die SS mit drohenden Maschinenpistolen, die übliche Zeremonie. Drei gefesselte Todeskandidaten, darunter ein Kind mit feingeschnittenen schönen Gesichtszügen, der Engel mit den traurigen Augen, wie wir ihn nannten.

Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich. Ein Kind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit.

Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biss sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgens bedeckte es ganz. Diesmal weigerte sich der Lagerkapo, als Henker zu dienen. Drei SS-Männer traten an seine Stelle.

Die drei verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schlinge eingeführt. „Es lebe die Freiheit!“ riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg.

„Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir.

Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager.

„Mützen ab!“ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser.

Wir weinten.

„Mützen auf!“

Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Aber der dritte Strick hing nicht reglos: der leichte Knabe lebte noch…

Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorbeischritt. Seine Zunge war noch rot, seine Augen noch nicht erloschen. Hinter mir hörte ich den selben Mann fragen: „Wo ist Gott?“

Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: „Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen…“