15/11 Rede zur kulturellen Bildung 20.11.2015

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen,

besonders von den Koalitionsfraktionen. Blieben sie ihren bisherigen Argumentationslinien treu, müssten sie ihren Antrag heute eigentlich konsequent ablehnen. Er ist überflüssig, er ist bereits Handeln der Staatsregierung. Vor kurzem lud im Auftrag von Staatsministerin Frau Dr. Stange das SMWK zum Runden Tisch kulturelle Bildung ein. Anwesend waren u.a. Vertreter der Kulturvereine und – verbände, Kulturschaffende, Mitglieder des Kultursenats sowie Gäste aus anderen Bundesländern, genau mit dem Ziel über ein landesweites Konzept zu sprechen und die Grundlagen dafür zu legen. Das ist Handeln.

Der Vorschlag, ein landesweites strategisches Konzept für die kulturelle Bildung zu erarbeiten tut Not und findet auch die Zustimmung unserer Fraktion. Andere Bundesländer sind da schon weiter. Was mich allerdings schon ein wenig verwundert ist die Tatsache, dass sie ein solches Konzept für die Förderung und Entwicklung der kulturellen Bildung in Zusammenarbeit mit den Kulturräumen für sinnvoll erachten. Jedoch ein strategisches Entwicklungskonzept für die Theater und Orchester im Lande ablehnen. Sie argumentieren, dass es sich in letzterem Fall um einen Eingriff in die Autonomie der Kulturräume handelt, im Fall der kulturellen Bildung jedoch nicht. Das begreife, wer will. Aber vielleicht können sie im Nachgang ein wenig Licht ins Dunkel bringen Frau Dr. Stange.

Kulturelle Bildung, ein in diesen Tagen sehr strapazierter, fast inflationär gebrauchter Begriff, dehnbar in alle Himmelsrichtungen. Die Inhalte sind so vielfältig. Sie umfassen sämtliche künstlerisch ästhetischen Genres von der Musik, klassisch, modern, komponiert, gesungen, allein oder im Chor, über die darstellende Künste, von Schauspiel, Regie und Tanz, zur Literatur, geschrieben oder rezitiert, bis hin zu den bildenden Künsten, vom Töpfern bis zum Malen, den Amateurbereich, die soziokulturelle Zentren nicht zu vergessen, ebenso die Vermittlung von Geschichte usw. usf.. So vielfältig wie wichtig. Nur kommt es nun darauf an, wie man das im Antrag geforderte landesweites Konzept für Sachsen mit Inhalt füllt und welche Richtung man der Umsetzung gibt, damit man eben nicht im Klein in Klein verharrt und immer und immer wieder einzelne innovative Modellprojekte fördert und sobald Strukturen vorhanden sind, sie wieder verschwinden lässt. Es ist an der Zeit größere Brötchen zu backen und zu einer Verstetigung gelungener Projekte zu kommen und diese gegebenenfalls noch auszubauen. Ich denke da an die Erweiterung z.B. von JEKI hin zu Jedem Kind sein Instrument, Tanz, Theater und Chor. Gleichwohl die Ermöglichung von Neuem nicht zu verhindern.

In der Schule hat kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche mit Recht ihren besonderen Platz. Sie wird von Lehrerinnen und Lehrer innerhalb des Schulunterrichts sowohl fächerübergreifend als auch fachspezifisch vermittelt. Kompetenz in kultureller Bildung ist ebenso wichtig wie in allen anderen Fächern. Und dennoch: Allein in Dresden fielen im Jahr 2012 über 11.000 Unterrichtsstunden in den musischen Fächern in der Grundschule aus. (Ergebnis einer kleinen Anfrage meiner Kollegin Cornelia Falken.)

Das ist in mehrerer Hinsicht und langfristig fahrlässig und nimmt unseren Kindern Wertvolles. Unser diesbezügliches Anliegen, unseren Antrag zum Thema: Unterrichtsausfall in den Fächern Musik und Kunst heute gemeinsam mit dem vorliegenden Antrag zu behandeln lehnte die CDU/SPD Koalition ab. Als Grund gaben sie an, der Gegenstand des Antrages gehöre in den Kultusbereich und nicht ins Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Diese Ablehnung, zeigt, dass die Koalitionäre die Begründung ihres Antrages wohl nicht ernst nehmen. Darin heißt es: Kulturelle Bildung sei eine Querschnittsaufgabe vom SMWK, SMK und SMS. So ist der wirkliche Grund für die Nichtbehandlung unseres Antrages wohl weniger die Ressortzuständigkeit als vielmehr die Scheu, sich mit unliebsamen Tatsachen auseinandersetzen zu müssen.

Die Tendenz, den Fachunterricht in Musik und Kunst an den Schulen aus Kostengründen zu reduzieren, verfolgen wir mit Sorge. Es besteht die Gefahr, Kunst und Musik – kulturelle Bildung also – in den Ganztagsbereich zu verlagern. Das wollen die Koalitionäre offenbar nicht wahrhaben.

Außerschulische Angebote an kultureller Bildung ergänzen die kulturelle Bildung in der Schule, können sie erweitern aber nicht ersetzen.

Schade, dass die SPD, bei allem Verständnis für Kompromisse in einer Koalition, mit dem uns vorliegendem Antrag qualitativ so weit hinter ihren eigenen Anforderungen an ein landesweites Konzept aus dem Jahr 2013 zurückgefallen ist. Es ist mir gänzlich unverständlich, wie man in dieser Situation aktuelle Anforderungen nicht formuliert. Z.B. wie man angesichts der Aufgabe, viele Flüchtlinge zu integrieren, die interkulturelle Bildung vergessen kann. Völlig schleierhaft ist mir, wie sie die Forderungen nach einer angemessenen Honorierung von Kulturschaffenden für ihre Leistungen in diesem Bereich, nach Vereinfachung und Vereinheitlichung von Förderrichtlinien, nach einer barrierefreien Ausgestaltung kultureller Angebote einfach so unter das Pult fallen lassen konnten. All das aber, gilt es in einem landesweiten Konzept zu berücksichtigen.

Gut hingegen ist der Ansatz, die Ausbildung  von pädagogischen und künstlerischen Fachkräften qualitativ zu verbessern. Das ist ein wichtiger Schritt dahin, dass auch die Lehrkräfte selbst kulturelle Bildung als essentiellen Bestandteil ihres Unterrichts begreifen und engagiert durchsetzen.

Es gibt eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Ich war letzte Woche mit meiner Tochter in der Aufführung „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ von Alexander Wolkow im Leipziger Schauspielhaus. Elli die Hauptheldin findet auf ihrem Weg in die Smaragdenstadt ihre treuen Begleiter, darunter Scheuch, eine Vogelscheuche, die gern Verstand hätte da sie kein Gehirn besitzt sowie den Eiserne Holzfäller, dem das Herz fehlt. Erstaunlich zu beobachten war, dass bei den Kindern im Saal das fehlende Herz,

wenn sie so wollen: die fehlende Seele ein größeres Thema war mehr Reaktionen hervorrief.

Das nicht Fassbare das nicht logisch hergeleitete Abrechenbare fehlt.

Die Sehnsucht und Suche nach Orientierung in der Welt ist dem Menschen inhärent, er braucht etwas mehr, er braucht Herz und Sinn.  Und darum geht es doch:  Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, Senioren, Menschen mit Behinderungen, Flüchtlingen, Erwerbslosen, vor allen auch den bildungsfernen Schichten alle Möglichkeiten zu geben sich ganzheitlich zu bilden und sie an diese Möglichkeiten so früh wie möglich heranzuführen.

Kunst und Kultur vermögen das. Sie vermitteln gemeinschaftliche Werte wie Moral, Empathiefähigkeit, Ethik, Solidarität und humanes Handeln. Sie öffnen und verbinden, kommen zuweilen sogar ohne Sprache aus. Sie geben der Phantasie Raum und sind nicht immer mit dem Verstand zu fassen.

Da ist er plötzlich der Raum und da ist sie plötzlich die Zeit für Kreativität, für anderes, für querdenken, da ist sie plötzlich die Basis für Reflektion, zur Entwicklung von Persönlichkeit, zu Toleranz, zu Mitgestaltung und damit zu Demokratie.

Die Europäische Aufklärung hat uns dazu verholfen, entwickeln wir uns nicht zurück und geben wir unsere demokratischen Werte weiter.

Kulturelle Bildung, Erkenntnis durch eigenes Erleben und Ausprobieren, durch Miterleben und Hineinfühlen in andere, rücken ein gerechtes, soziales und friedliches Zusammenleben verschiedenster Menschen und Ansichten in den Bereich des Möglichen.

Und damit haben Sie – wenn Sie langfristig denken (können) – den Mehrwert von kultureller Bildung, keinen vorrangig pekuniären, aber wenn sie etwas Messbares brauchen, so ist es der Umgang der Menschen miteinander und mit ihrer Umwelt.

In diesem Sinne kann unsere Fraktion ihrem Antrag, wenngleich er einige Lücken aufweist, zustimmen.

Haben sie vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

Lesen ohne Liebe, Wissen ohne Ehrfurcht, Bildung ohne Herz ist eine der schlimmsten Sünden gegen den Geist. (Hermann Hesse)